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20.05.2012
Overview
Hat Free-TV noch eine Zukunft?

Zukunftsfragen sind immer die schönsten - weil so schön offen. Zukunftsfragen sind immer die schrecklichsten - weil jeder Versuch einer Antwort dem Urheber spätestens nach fünf Jahren um die Ohren gehauen wird: bitteschön, alles grund- und haltlos. Der ARD-Programmbeirat hat gleich das Jahr 2056 als Prognose-Zielpunkt markiert. Jeder sah aber ein: das wäre nichts als Kaffeesatzleserei auf höher bezahltem Niveau. Wenn überhaupt.

Und die seligen Zeiten, die noch Georg Lukacs in seiner Theorie des Romans beschworen hat, weil in ihnen einfach der Sternenhimmel den Menschen eine verlässliche Orientierung gegeben habe, sie sind natürlich auch vorbei - wenn sie denn je existiert haben. Auch für das Fernsehen, ganz frei und pauschal gesagt, wären sie - als fixe Landkartenvermessung - nichts als eine schöne Annahme.

Jetzt also die Veranstalterfrage: Hat Free-TV noch eine Zukunft? Da schwingt schon viel Skepsis mit. So, als ob möglicherweise der Himmel sich völlig verdunkeln könnte für Fernsehprogramme, die ganz ohne technische Hemmnisse zu uns kommen und auch keine eigenen Bezahlhürden aufbauen. Frei empfangbar, so haben wir das in der Regel übersetzt. Man muss nicht gleich an audiovisuelles Manna denken, dazu sind die Nährwerte dieser Programme zu unterschiedlich. Aber mit einer Grundversorgung, über die man sich keine Extra-Gedanken machen muss, haben sie natürlich zu tun.

Also, erste Prognose: Doch, eine Zukunft werden auch solche Programme noch haben. Aber sicher keine unbehelligte. Und schon mehr als fraglich ist, wie viel dieser Fernsehsorte sozusagen ungetrübt - technisch und finanziell gesehen - für die Nutzer noch übrig bleibt. Dass auch darin übrigens Geld steckt, ist natürlich auch klar. Bei den öffentlich-rechtlichen überwiegend Gebührengelder, bei den privaten überwiegend Werbeeinnahmen. Aber es sind, sozusagen, Vor-Investitionen, eher indirekter Art. Insgesamt jedenfalls längst nicht so offensichtlich, und auch in der Summe meist nicht so üppig, wie jede Art der direkten Abrechnung, sei es im Abonnement, sei es über den Einzelabruf.

Die berühmte Theater-Parole vom "Bezahlt wird nicht" kommt jedenfalls in der Wirklichkeit nicht vor. Bezahlt wird eben höchst unterschiedlich. Allerdings: Frei empfangbares Fernsehen gehört da eher in die Aldi-Kategorie. Darum werben die teuren Konkurrenten auch so gern mit dem Etikett Premium.

Mit dem allgemein zugänglichen Fernsehen ist seit altersher eine Kritikervorstellung fast unauflöslich verbunden: Free-TV, das ist das gefundene Fressen für die Sofakartoffeln, um Ihnen das noch feistere englische Wort zu ersparen. Für Leute also, die meist schon am Vorabend in die Polster fallen, die Chipstüte aufreißen, sich unentwegt aus dem Kühlschrank bedienen und dazu einfach glotzen, so wie's gerade kommt. Unter-Übersetzung: ohne Sinn und Verstand.

Natürlich haben die Kritiker auch Idealismus bewahrt (der ja auch ihre Existenz begründet). Dann hoffen sie doch auf den mündigen, den wachen, den interessierten Zuschauer, der vom Fernsehen mehr erwartet als Nirwana und Nullmedium. Einen Zuschauer also, für den das Fernsehen einen Zugang zu wesentlichen Fragen des Lebens bedeutet -- des ganz individuellen und auch des gesellschaftlichen Lebens. Erkenntnis, Orientierung, Einordnung, Deutung: Das wären dann edle Begriffe für das, was Fernsehen kann. Auch kann. Dazu, und nicht zu knapp, kommt Unterhaltung - als die entlastende und lustigere Möglichkeit, das Leben am Schopfe zu packen.

Zu dieser Vorstellung gehört die vorherige Auswahl. Nach Kriterien der Befindlichkeiten, des Interesses. Eine beschränkte Auswahl allerdings, gebunden an Zeitfenster. An den linearen Ablauf eines Programms, das Profis komponieren, die eine Interessenmischung annehmen und ihr Angebot auf möglichst große Mehrheiten in allen Segmenten zurechtschneiden. Auch die öffentlich-rechtlichen Sender unterliegen, trotz eines idealiter schärferen Programmauftrags, diesem Signum des Massenmediums.

Das alles galt, weitgehend, bis gestern. Doch jetzt steht tatsächlich eine Umwälzung ins Haus, die in hoher Zeitverdichtung vor sich geht. Der Hauptbeweggrund: die umfassende Digitalisierung aller mit Bildern, Tönen, Informationen verbundenen Vorgänge. Mit einer zentralen Begleiterscheinung: einer potenziell unendlichen Individualisierung. Die alte, trägere Analogwelt mutiert komplett zu Rechenpaketen, zu digitalisierten Datenströmen. Und das bedeutet, kurz gesagt: Alle Arten und Formen von Signalen, damit auch von audiovisuellen Inhalten, werden überall und jederzeit zu empfangen sein. Und zwar mit Apparaten, die eierlegenden Wollmilchsauen im Elektronikkleid gleichen. Auch wenn sie unterschiedliche Größen und damit Anwendungsvorzüge haben. Natürlich gilt auch hier: Digitalisierung zieht Konvergenz nach sich. Die Verschmelzung, die Vermischung. Von Apparaten, Wegen, Netzen, Medien. Die alte Rundfunkbegrifflichkeit ist passé. Multimedia, seit Anfang der 90er angekündigt, wird Wirklichkeit. Und auch von Technik-Idioten bedienbar.

Keine räumlichen, keine zeitlichen Begrenzungen mehr, jederzeit und an jedem Ort zugreifen zu können auf das, was einem im Sinn steht, damit die Sinne gekitzelt werden, und das in gesteigerter Oberflächenqualität: natürlich ist das eine verlockende Aussicht. Jedenfalls, solange wir die Rechnung der Wirtstiere noch nicht gesehen haben. Und da wird es hochinteressant: Denn die Möglichkeit der Individualisierung aller Medienbeziehungen, mit feinster Adressierung der Individuen und Interessen, ist für die Propagandisten in der Regel verbunden mit der ebenso zielgenauen Abrechnung. Das lässt sich gut vergleichen mit einem allumfassenden Mautsystem, dessen elektronische Augen noch die Bewegungen auf dem kleinsten Feldweg umfassen. Motto: freie Fahrt für den zahlenden Bürger. Schlaglöcher für die Armen. Schmeichelasphalt für die Betuchten.

Doch zunächst ist festzuhalten: Es ist, zumindest prinzipiell, tatsächlich ein Wandel im Gang, der, wie der ZDF-Intendant vermutet, in vier Jahren mehr Veränderung mit sich bringt als die vier Jahrzehnte davor.

Der BBC-Generaldirektor sieht es drastischer: Man müsse sich auf einen Schock gefasst machen. Und radikal umdenken in allen Fragen, wie Programminhalte konzipiert, in Auftrag gegeben, produziert, verpackt und vertrieben würden. Die zweite digitale Welle werde "viel eingreifender sein als die erste und die Fundamente der traditionellen Medien wegschwemmen".

Von den alten, gewohnten Formen und Zuschnitten wird danach nicht mehr viel übrig bleiben. Als Schlussfolgerung drängt sich dann auf, was Hans-Jürgen Jakobs von der Süddeutschen Zeitung gerade auf den Mainzer Tagen der Medienkritik so formuliert hat: Wir befänden uns in einer "wilden Phase der Streckenverlegung". Was sicher auch heißt: Die neuen Routen zum Geld werden abgesteckt.

Dass davon alle profitieren wollen, auch jene, die lange mit den herkömmlichen Modellen gearbeitet haben, zeigen gerade die Kombi-Überlegungen des Satellitenbetreibers Astra und der werbefinanzierten Sender, bislang technisch frei empfangbare Programme künftig nur noch verschlüsselt zu verbreiten -- zu Lasten der Zuschauer, welche für Aufschlüsselung per Decoder zahlen müssen, im Dauerrhythmus. Die künftige Generalsekretärin der ARD, Verena Wiedemann, kritisiert das als "unsozial" - und verbucht die damit ermöglichten Einnahmen nicht als Pfunde für das Programm, sondern als zusätzliche Gewinne für die Investoren und Aktionäre.

Ein Zwischenfazit der Zukunftsfrage kann daher lauten: Voraussichtlich werden allein die öffentlich-rechtlichen Programme -- noch -- eine relativ sichere Zukunft im Sinne der frei empfangbaren Inhalte haben. Diese offene Form ist schließlich ganz eng mit ihrem gesellschaftlichem Auftrag verbunden. Kaum denkbar auch, dass die Politik hier Einschränkungen zuließe. Zwar fallen auch hier natürlich technische Transportkosten an - relativ hohe im Kabel --, doch wird eine flächendeckende digitale terrestrische Ausstrahlung dafür sorgen, dass hier der Hahn nicht zugedreht wird.

Dies, meine Damen und Herren, ist meine einzige Prognose, die sich wahrscheinlich auch in zehn Jahren noch ohne rote Wangen nachlesen lässt. Was den Rest betrifft, kann Digitalisierung nur heißen: lieber nichts an den zehn Fingern abzuzählen.

Die heutige Situation ist viel komplexer als bei der Einführung des Dualen Systems, die schließlich zu einer letztlich überschaubaren und konsolidierten Situation speziell beim Fernsehen führte: mit vier großen Blöcken und einem Hauptanbieter im speziellen Geschäftsfeld des Bezahlfernsehens. Viele Irrungen und Wirrungen haben lange Zeit an der damaligen Grundkonstellation nicht viel geändert.

Jetzt hingegen ist Anderes zu bedenken, in gar nicht vorhersehbaren Problemabstufungen und Vermischungen. An der Spitze der Entwicklungen:

eine Neuformierung der Kabelindustrie. Und: Gleichzeitig gibt es neue Konkurrenz, sprich Wettbewerb, bei den verteilenden Plattformen. Stichworte: Internet-TV über DSL und DVB-T, auch die Verbreitung von bewegten Inhalten, sprich: Fernsehbildern, über UMTS. Es werden vielfältige neue Modelle entstehen, Nischen werden geöffnet und gefüllt werden, und zwar in immer feineren Tranchen.

Offen sind die Chancen bei Modellen, bei denen sich die Betreiber von Vermarktungsplattformen als Komplett-Dienstleister verstehen wollen oder können: auf der einen Seite als Verteiler, im Sinne von Transporteuren; und auf der einen Seite als Inhaltelieferanten, die selbst Pakete zusammenstellen. Dass es verlockend ist, auf umfassende Wertschöpfung zu setzen, ist klar. Die Kauf der Bundesliga-Rechte durch Arena, eine eigens dafür ausstaffierte Kabel-Tochter, zeigt dies deutlich. Und auch die Ableger-Formen werden sichtbar: wie Bundesliga im Internet durch die Telekom.

Ein weiterer wichtiger offener Punkt: Wie spielen Festnetze mit Mobilnetzen zusammen - wo hingegen sind sie Gegenspieler? Klar ist nur: Das Betreiben von Netzen und das Konstruieren von Plattformen bietet vielfältige Markt-Möglichkeiten, auch im Sinne einer tiefen gegenseitigen Durchdringung. Und exklusiver Bevorzugung.

Versuchter Ausschluss, konzentrierter Einschluss kann sowohl beim Programmeinkauf als auch bei der elektronischen Pogrammführung, also der Vor-Steuerung des Nutzerverhaltens, eine wesentliche Rolle spielen. Wobei sicherlich auch gilt: Konzerndominierte Familien-Bevorzugung kann Aufmerksamkeit lenken, aber auch Unmut hervorrufen. Interessengeleitete Wegführung muss nicht unbedingt immer die Interessen der Wegeanbieter bedienen: Sie könnten in den Ruf der reinen Wegelagerer geraten, weil bei Nutzern vielleicht doch Vielfaltsinteresse besteht.

Zumindest mittelfristig noch ein politischer Ankerpunkt in der Umwälzung: die Pflichteinspeisung. Die Wege-Varianten sind zwar zahlenmäßig vermehrt. Aber sie sind doch längst nicht so üppig vorhanden, weder im Kabel noch beim digitalen Antennenfernsehen, als dass alle potentiellen Anbieter bedient werden könnten. Die wiederkehrende Grundfrage deshalb: Was gehört zu Basis, und damit zur Paket-Grundversorgung, was ist überschießender Luxus, der auch als solcher zu bezahlen wäre?

Wolfgang Tunze hat in der FAZ gerade das heraufziehende Ende der analogen Übertragungswelt mit der einfachen Formel "Schluß mit lustig" kommentiert. Die Generalverschlüsselung, die generelle Medien-Maut: Damit bereiteten die privaten Fernsehkonzerne samt und sonders den strategischen Übergang zu Abo-Diensten vor. Auf allen Ebenen: HDTV als schöne scharfe Bilderwelt werde extra kosten, aufgesetzt auf dem Basis-Abonnement diverser Standardpakete. Handy-TV werde ein richtig kostspieliger Spaß, so wie auch alles, was als Internet-Fernsehen ins Haus stehe. Teuer, das gelte auch für Zusatznutzen, wie jetzt noch legales Kopieren. Dafür sorgten digitale Rechte-Management-Systeme, die alle analogen Schnittstellen ablösten. Tunzes eineindeutiger Schluss: Digitale Medien seien vielleicht vielfältiger und schöner. Vor allem aber seien sie eines: teuer.

Diese zentrale Einsicht macht die Prognose über die neuen Proportionen so schwierig. Was wird sich der Durchschnittsbürger leisten wollen, was wird er sich leisten können? Was ist ihm die individuelle Verfügbarkeit wert, was die technische Delikatesse? Gibt es eine Degression bei manchen Preisen, wie jetzt bei Telefon-Pauschalgebühren? Gleichwohl, schon jetzt sind monatlich für die elektronische Kommunikation leicht 200 bis 300 Euro aufzubringen - von der Rundfunkgebühr über den Kabel-Transport bis zum Handy-Vielerlei der Familie.

Deshalb, nochmals: Allein die Öffentlich-Rechtlichen werden, dies jedenfalls halte ich für wahrscheinlich, ihren Status quo zunächst weitgehend behaupten können. Doch wird es keine Expansion herkömmlicher linearer Programme mehr geben, eher auf mittlere bis längere Sicht eine Verminderung, eine Konzentration. Dafür aber eine Auffächerung plus klarer Konturierung bei den Inhalten, die auf weiteren Plattformen angeboten werden. Vorher jedoch muss die Politik dafür sorgen, dass es keine technischen Beschränkungen geben darf - Free-TV muss weiter gefasst werden, für alle Wege und Plattformen.

Denn jede öffentlich-rechtliche Zukunft unterm Siegel der Zugangsfreiheit kann nur multimedial buchstabiert werden. Alles andere wäre eine Diskriminierung bis zum Ausschluss - und damit die Auslöschung des Gemeinwohlgedankens, nach dem bestimmte Güter zu schützen sind, damit sie in einem auf Verkaufserfolg angelegten Markt überhaupt bestehen können.

Die BBC bereitet sich, siehe die bereits erwähnte Brandrede des Generaldirektors, gerade darauf vor. Die Kurzformel dafür lautet: Qualitätsinhalte in einer Abrufwelt. So muss danach das Kernziel für den Public Service übersetzt werden. Dazu sollen gehören: ein individuellerer Internet-Auftritt, mit reicheren audiovisuellen Inhalten; weiter: Inhalte, die für alle Abspielplattformen taugen; mehr Markenbewusstsein bei Fernsehfilmen - also: weniger Titel, längere Laufzeiten. Ebenfalls konzipiert: mehr Zielgruppenprogramme für die verschiedenen Zuschauergruppen. Der öffentliche Mehrwert des Public Service liegt nach dieser Strategie darin, sich auf Inhalte der höchsten Qualität zu konzentrieren. Was allerdings wesentlich mehr koste als die Mischung von Herausragendem mit Durchschnittlichem..

Für die Privaten stellen sich unter den gleichen technischen Vorzeichen ebenfalls erhebliche Anforderungen an deren Zukunftsstrategie. Neue Geschäftsmodelle müssen unbedingt das vorhandene Basismuster ablösen. Denn die werbefinanzierten Programme verlieren - dies zeichnet sich schon seit geraumer Zeit ab - mehr und mehr ihre einnehmende Tragekraft. Was bereits zur Etablierung neuer Geschäftsfelder geführt hat: Einkaufskanäle, Mehrwertdienste und Merchandising gewinnen an Bedeutung und sollen, in vielfältiger Koppelung, mindestens ein Fünftel bis ein Viertel der Umsätze erzeugen. Und diese Zielmarken gelten noch als unterste Grenze.

Tilmann Gangloff hat die unsichere Lage gerade in seinem Bericht von der Fernsehmesse MIP-TV in Cannes als Spannungsfeld beschrieben: zwischen Euphorie und Angst. Gigantische Steigerungszahlen für individuelle Nutzung digitaler Medienformen wurden genannt und Umsatzsteigerungen in Milliardenhöhe auf Umfragebasis prognostiziert. Knapp 60 Prozent der Befragten, so eine Siemens-Studie, wolle auf Mobiltelefonen fernsehen, in Amerika sollen schon in drei Jahren 15 Millionen dieser Geräte in Verbraucherhand sein. Und dann mit Formaten gefüttert werden, die auf diesen Gebrauch zugeschnitten sind.

Nun gut, Industrieprognosen. Aber klar ist: Reaktionen sind unerlässlich, nicht zuletzt wegen Auszehrungen bei der herkömmlichen Spotwerbung und wegen vieler weiterer Zweige bei individuellen Nutzungen. Folglich setzen in den USA die Broadcaster des älteren Schlags, die großen Networks, auf ganz neue Bündnisse. So CBS mit dem Kabelkonzern Comcast oder NBC mit dem Satellitenfernsehen DirectTV aus dem Megakonzern Murdochs News Corporation.

ABC wiederum will die Potenzen des Computerspezialisten Apple für sich nutzen, der klassische Grenzen fast spielerisch ausweitet und über den Video-iPod Fernsehprogramme in schicker Art massenhaft mobil machen will. Zur schönen neuen Welt gehören auch die Verlängerungen der Warner Brother Produktionen ins AOL-Netz und die Ambitionen der Telefongesellschaft Sprint Nextel, die Programme von Kabelanbietern live aufs Handy zu schicken.

Die aktuellen Botschaften aus Cannes lesen sich, so hat es Gangloff beobachtet, widersprüchlich. Vom Nicht-Mehr-Fernseher bis zum Herren der Bilder über Festplattenrecorder, die bald eine Kapazität von mehreren tausend Stunden hätten; vom Hosentaschenfernsehen für Nachrichten, Sport, Miniserien und Sex bis hin zu Werbespots mit so genannten Interaktiv-Optionen: Das Bild ist äußerst vielfältig. Und variiert Preis-Optionen von zehn Dollars für monatliche Abo-Komplettpakete bis zu 2 Dollar für die Einzelfolge beim Serien-Download in den iPod.

Wie realitätsnah die schrittweise Auflösung des klassischen Modells ist, belegen auch heimische Beispiele. So setzt die Ufa, größte Fernsehproduktionsgruppe in Deutschland, auf eigens für Handys entwickelte Programme, vom interaktiven Quiz bis zur Mini-Thriller-Serie. Diese seriellen Schnitzel im 4-Minutentakt sind eben Teil eines erweiterten Geschäftsansatzes, der von vielen Verbreitungs- und Vermarktungsfeldern ausgeht. Das heißt auch: Es wird spezielles Fernsehen für den großen und kleinen Schirm geben. Differenzierung allerorten. Und natürlich nicht zum Nulltarif.

"Bisher", so Bauer wörtlich, "sind unsere Kunden überwiegend die TV-Sender. Künftig werden wir zu Entertainment-Spezialisten, die originäre Programminhalte für alle Vertriebsformen entwickeln und anbieten". Für entscheidend hält er, wer als erster die Inspiration und das Talent habe, den Nerv der Konsumenten zu treffen. Sei es mir originären Inhalten, sei es mit einer Verlängerung von bekannten Fernsehmarken.

Versuch und Irrtum, so Bauers Vermutung, werde diese Phase in der sich jetzt rasant entwickelnden Vielfalt der neuen Modelle bestimmen. Das bedeutet: Hier ist vieles, fast alles offen. Nicht zuletzt mit Blick auf die Struktur der Plattformen.

Insofern, dies meine These, werden die alten Fragen nach Konzentration und vorherrschender Meinungsmacht, welche die Medienpolitik bisher bestimmt haben, ganz anders gestellt werden müssen. Dann ist nicht mehr jene Sorge erstrangig, ob es in Deutschland beim privaten Fernsehen zwei große Familien gibt, welche über multimediale Überkreuz-Promotion Effekte forcieren können. Sondern vorrangig ist zu bedenken, ob künftig mehr und mehr Inhalte und Transportwege so miteinander verknüpft werden, dass die Zugänglichkeit empfindlich eingeschränkt wird: über Verteilhierarchien und Bezahlschwellen.

Unter diesen Vorzeichen könnte der gefährlichste Monopolist jener werden, der einst mit der Verkabelung per staatlichem Auftrag zum Wegbereiter des privaten Fernseheinstiegs wurde: die Telekom. Ihre DSL-Zukunft mit allen Wegen für vielfältige Medienverteilung könnte die jetzige Situation gehörig durcheinander wirbeln.

Allerdings, noch einmal: Hier herrscht, gerade wegen der spezifischen Lage auf dem deutschen Markt mit seinen vielen Programmen und seinen starken öffentlich-rechtlichen Sendern, noch große Unsicherheit, was die Proportionen betrifft. Klar aber ist: Weil sich die Telefon- und Internetwelt mit der herkömmlichen Fernsehwelt unwiderruflich vermischt, werden sich die klassischen Begriffseingrenzungen und Regulierungsformen nicht mehr in der bisherigen Form formulieren und exekutieren lassen.

Nimmt man alles in allem, bleibt als einzige Generalprognose:

Vom großen Schirm bis zum kleinen Display:
Die Fernsehwelt wird, mit verschränkten Verteilformen, zum komplexen Super-Hybriden mit dem Gen des fein adressierbaren Bezahlens. Verästeltes Multimedia wird zur Normalwelt. Bisherige Rollenverteilungen, so zwischen Veranstaltern, Transporteuren und Produzenten, verändern sich fundamental. Und die einzige Konstante hier werden die Öffentlich-Rechtlichen sein, wenn auch latent bedroht und in der Organisations- und Veranstaltungsform zu vielen Reformen gedrängt.

Ihr Free-TV muss dann gesehen werden als neu sortiertes Freiheits-Reservat in einer Welt der wilden Kassenwarte. Dafür zu streiten, das lohnt allemal.

Aber vielleicht können wir uns ja auch, ganz im Sinne der Sofakartoffeln, lässig zurücklehnen. Der neueste Bericht der Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung registriert nämlich immer noch ein bodenständigen Beharren, wenn es um die Tendenzen im Zuschauerverhalten geht: Fernsehnutzung zeige sich inhaltlich und formal als "erstaunlich resistent gegenüber grundsätzlichen Veränderungen". Es werde wohl noch etwas auf sich warten lassen, dass die angekündigten technischen Erneuerungen diese Gewohnheiten - wie von einigen erwartet -- massiver aufbrechen würden.

Wie sagt da der Franzose: On verra. Man wird sehen.
Ganz so wie der Kaiser aller Deutschen in diesem Sommer: Schau' mer mal.

UWE KAMMANN



Quelle und weitere Informationen:   
Katrin Jurkuhn
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