Drehbuchschreiben - ein Abenteuer
Der feine Balanceakt zwischen Intuition und dramatischer Struktur oder "Leben Figuren?"
Der Held eines Romans erwacht aus seiner Naivität und wird sich seiner Schöpferin gewahr. Erschrocken begreift er, dass „die Stimme“ alles über ihn weiß, er ihre Kreation ist und noch furcht erregender: Sie soeben seinen perfekten Mord geplant hat. Panisch macht er sich auf zu ihr, will um Gnade, einen Genre-Wechsel bitten und ruft just in der Sekunde bei ihr an, in der sie die Worte: „Das Telefon klingelte,“ zu Papier bringt. Der Zuschauer ahnt: Aus Fiktion ist Realität geworden.
Die Komödie „Stranger than Fiction“ verbildlicht spielerisch, was uns Autoren schon lange Gewissheit und oft quälender Ernst ist: Figuren leben! Sie existieren! In uns, mit uns und sie wirken - sofern wir zu ihrem Medium werden - durch uns hindurch. Quentin Tarantino schreibt dazu: „Die Figuren fingen einfach an zu sprechen und ich notierte es. Ich fühle mich fast wie ein Betrüger, wenn ich behaupte, den Dialog geschrieben zu haben, denn die Figuren haben die Arbeit gemacht.“ Ebenfalls rügt Drehbuchlehrer Frank Daniel eine Studentin, die das Autonomiebedürfnis von Figuren missachtete: „Sie musste lernen, dass Figuren nicht unsere Marionetten sind, sondern nur funktionieren, wenn sie ihr „Eigenes Leben“ haben.“

Drehbuchschreiben - ein Abenteuer. Eines, das man nicht allein bestreitet.
Zu Beginn des Schreibprozesses sind Figuren noch kleine, blasse, existentiell gefährdete Wesen, doch jeder Moment unserer Aufmerksamkeit lässt sie gedeihen. Ihr Ego wächst von Fassung zu Fassung, sie werden launisch, rechthaberisch oder verstummen gar trotzig. Manchmal passiert auch, dass sie mit uns verschmelzen und zwar so unmerklich, dass wir glauben ihr emotionales Chaos sei unseres. Wir ertragen dann unseren heiligen Platz am Schreibtisch nicht mehr, verändern und löschen plötzlich all mühsam Geschriebenes, jagen panisch auf die Straßen, um Zeichen zu deuten, um Antworten zu finden und: Um direkt in die nächste Krise zu stürzen.
Ja! Es ist wahr. Die Verwirrung des Autors nimmt zu. Je tiefer das Verständnis über die Komplexität seines Werks - je plastischer und leibhaftiger seine Figuren. Längst ist er abgekommen vom kristallklaren Pfad der ersten Idee und irrt nun dürstend, im dichten Dschungel seiner Ängste umher. Er bräuchte einen Kompass, der die Himmelsrichtungen des Dramas kennt, eine Hoffnungsschimmernde Struktur, er bräuchte dramatisches Wissen, um die Figur wie ein geliebtes Kind zu führen, anstatt sich von ihr in den Abgrund ziehen zu lassen.
Um diese Verbindung zwischen Autor und Figur, die so eindeutig und so verstörend sein kann, geht es in vielen meiner Seminare. Bei der „8-Sequenz Methode“ nähern wir uns dem seelischen Bauplan unseres Protagonisten anhand von FRAGEN. Erst wenn wir seinen Charakter, seinen Motor analysiert haben, beginnen wir, Spannungsfragen zu kreieren und die Brücke des Films zu bauen.
Eine andere, intuitive Möglichkeit, um mit einer Figur in Kontakt zu treten, ist das „Kreative Visualisieren.“ Im entspannten Zustand, aus einer Nichtdenkenden Haltung, gelangen wir ins Reich des Unbewussten, zur Quelle unserer Phantasie. Wir „sehen“ und „hören“ die Figuren, anstatt sie zu „denken“. Als ruhige Bobachter, als aufmerksame Zeugen, notieren wir was sie zu sagen haben und staunen oft über das Ergebnis: Da beklagt sich diese ätherische Energie darüber, dass sie von uns nicht ernst genommen wird, sich nicht genug geliebt fühlt oder gibt wichtige Hinweise zu ihrer Charaktergestaltung oder ihrem „Love-Interest“.
Der Autor sammelt alle Informationen, verwaltet sie sorgsam und entscheidet schlussendlich im Sinne des dramatischen Gesamtkontexts. Dabei bleibt er fließend und durchlässig und bewahrt auch Skepsis, da er weiß, dass jede Figur ihn zur Annahme verführen will, SIE sei die Wichtigste, die Hauptfigur des Films! Der Autor hält das Schiff gelassen auf Kurs.
Dieser Balanceakt zwischen Intuition und Struktur, zwischen rechter und linker Gehirnhälfte ist es, der die Arbeit des Drehbuchschreibens so reich, spannend und immer wieder neu macht.
Barbara Oslejsek
Drehbuchauto rin und Dozentin
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